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Alex Schulz vom Reeperbahn-Festival: „Wir sind wieder international“

Alex Schulz vom Reeperbahn-Festival: „Wir sind wieder international“

22.09.2021
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Festival-Chef Alex Schulz (54) freut sich darauf, dass man Konzerte in Clubs auch wieder im Stehen erleben kann. Foto: Fynn Freund

Der Chef über 3G und darüber, warum das Festival anders als 2020 wird

Lange hatte das Reeperbahn-Festival (RBF) als Ziel eine 2G-Durchführung vor Augen – nun ist es doch 3G geworden. Festival-Chef Alex Schulz (54) erklärt, woran es gelegen hat, warum die Veranstaltung trotzdem ganz anders als im vergangenen Jahr wird und worauf sich die Musikliebhaber:innen freuen können.

MOPOP: Worauf freuen Sie sich am meisten?

Alex Schulz: Ein Konzert wieder im Stehen erleben zu können. Dass wir nicht mehr in alle Clubs Stühle stellen oder nicht mehr ohne Stühle 100 Meter entfernt stehen müssen. Und ich freue mich, um mich herum wieder viele andere Sprachen hören und andere internationale und transkontinentale Ästhetiken und Musiken live erleben zu können. Das hat schon gefehlt, das macht der Stream einfach nicht mit dir.

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Wie sehr sind Sie im Vorfeld hinsichtlich 2G versus 3G geschwommen?

Schon sehr. Wir hatten als klares Ziel 2G eingeschlagen und waren da auch guter Hoffnung. Aber wir mussten dann doch in der Tiefe feststellen, dass es für die Komplexität unseres Festivals noch nicht durchführbar ist. Als wir angefangen haben, uns Programminhalte und Spielorte einzeln anzusehen und Einschätzungen von Künstler:innen, Dienstleistern, den Häusern selbst und vom Gesundheitsamt bekommen haben, haben wir gemerkt, dass es an zu vielen Punkten zusammenbricht. Am Ende hätten wir ein 2G-Publikum gehabt, aber bei 30 bis 40 Prozent der Spielorte und Programmanteile nach der 3G-Systematik veranstalten müssen. Diese Konstellation wäre dann am Ende auch imageschädigend für 2G gewesen.

Ich freue mich, um mich herum wieder viele andere Sprachen hören und andere internationale und transkontinentale Ästhetiken und Musiken live erleben zu können.

Alex Schulz (54)

Können Sie mal konkrete Beispiele geben, was alles nicht funktioniert hätte?

Man darf bei 2G mittelgroße Spielorte wie etwa das Molotow in zwei Teilen betrachten: ein Bühnenhaus und einen Publikumsraum. Das ist sehr hilfreich – man hat dann die Möglichkeit, im Bühnenhaus 3G zu machen und im Publikum 2G. In diesem Fall kommt die alte Regel, dass man 2,50 Meter Abstand zwischen Bühne und Publikum schaffen muss, wieder aus der Kiste. Das hätten wir bei der Hälfte der Spielorte auch so machen können. Aber zum Beispiel im Häkken, wo es keinen separaten Zugang zur Bühne gibt – das Publikum, das zur Toilette geht, mischt sich mit den Leuten, die aus dem Backstage kommen – fällt 2G als Möglichkeit weg. Sogar im Mojo geht das nicht, weil es da nur ein Podest gibt. In der Elbphilharmonie ist das natürlich kein Problem.

Das 16. Reeperbahn-Festival findet in diesem Jahr mit über 20.000 Besucher:innen statt. Foto: Dario Dumancic

Und das Personal? Man kann ja nicht davon ausgehen, dass es komplett geimpft und genesen ist.

Ganz genau. Aber arbeitsrechtlich ist die Feststellung ja gar nicht erlaubt: Es können zwar alle Mitarbeiter:innen gefragt werden, aber Antworten müssen nicht gegeben werden. Wir können ja jetzt auch nicht anfangen, die 250 Künstler:innen, die wir schon vor längerer Zeit gebucht haben, anzurufen und zu fragen: „Sind euer Licht-Mann und eure FOH-Frau, die ja Publikums-Kontakt haben, geimpft oder genesen?“ Da zeigt dir eine internationale Band den Vogel. Die entscheiden sich ja oft sehr spontan, wer auf Tour mitkommt und wissen natürlich nicht, ob die geimpft oder genesen sind. Da ist unser 2G-Kartenhaus zusammengebrochen.

Sind Sie und Ihr Team sehr traurig, dass es nicht funktioniert hat?

Das war für uns schon eine große Enttäuschung, wir wollten das so doll. Dass Künstler:innen und Publikum die Shows endlich wieder normal erleben können. Aber man muss wirklich sagen: Das wird trotzdem eine richtig gute Veranstaltung. Ganz anders als im letzten Jahr noch.

Was ist Ihre positive Sichtweise auf die 3G-Durchführung?

Wir haben uns darüber gefreut, dass die Entscheidung irgendwann gefallen ist. Wir mussten so viel warten. Uns freut es natürlich auch, dass 2G für einzelne Spielorte jetzt eine Möglichkeit ist – das geht ja jetzt auch so langsam los. Wir wissen, woran wir sind. Jetzt herrscht Klarheit. Wir können uns endlich wieder auf die Inhalte fokussieren.

Sie sagten eben, dass das Festival ganz anders wird als im letzten Jahr. Da waren Sie Vorreiter in der pandemiegerechten Festival-Durchführung.

Letztes Jahr hatten wir nur Stoffmasken, keinen Impfstoff und keine Testmöglichkeiten. Nun wurden sehr kooperative Regelungen mit dem Gesundheitsamt getroffen, sodass wir in 15, 20 Spielorten draußen und drinnen unbestuhlt veranstalten können. Dabei teilen wir die Besucher:innen in sogenannte Kohorten oder Gruppenbereiche ein. Grundsätzlich herrscht die Auffassung, dass sich alle dazu bereit erklären, die Abstandsregeln einzuhalten. Ins Mojo etwa, wo normalerweise 700 Leute reinpassen, dürfen wir nun 200 bis 250 Leute stehend reinlassen – mit Beachtung des Abstands. Es gibt nicht mehr die Einzelbereiche mit 1,50 Metern Abstand und aufgemalten Boden-Flächen auf dem Boden wie im letzten Jahr. Die Fotos waren ja echt gewöhnungsbedürftig.

Wir bezeichneten es liebevoll als „Fernsehgarten“.

(lacht) Genau. Das war wie eine performative Installation mit Menschen. Dieses Jahr schaffen wir im Mittel eine Auslastung von 40 bis 45 Prozent pro Spielort. In einer stehenden Location drinnen sind es vielleicht 25 bis 30 Prozent – da ist es am schwierigsten, weil sich die Infektion da mutmaßlich am besten ausbreiten könnte. Aber Outdoor wird sich das schon richtig gut anfühlen. Außerdem wird es eine internationale Veranstaltung – daran ziehen wir uns alle auch sehr hoch. Über den Sommer mussten ja fast alle mit nationalen Künstler:innen arbeiten – was ja keine schlechten sind. Aber deswegen hat man einige auch überall sehen können. Und das ist ja auch toll, dass die mal im Vordergrund stehen. Begemann hat durchgespielt.

Thees Uhlmannn auch.

Genau. Aber bei uns sind jetzt über 50 Prozent internationale Künstler:innen. Klar, viele kommen aus dem benachbarten europäischen Ausland. Und auch die Fachbesucher:innen könne wieder dabei sein. Auch die „Anchor“-Jury ist wieder komplett vor Ort.

In diesem Jahr können mehr als 20.000 Besucher:innen zum Reeperbahn-Festival kommen

Wie viele Besucher:innen können jetzt kommen?

Bei 2G hätten insgesamt 50.000 kommen können, jetzt kommen 20.000 bis 22.000 – letztes Jahr waren es 8.000.

Letztes Jahr wurde das RBF von Land und Bund subventioniert. Wie läuft die Finanzierung in diesem Jahr?

Wir haben ja – und das gilt für alle, also Clubhäuser, Einzel-, Tournee- und Festivalveranstalter – seit dem 1. Juli die Wirtschaftlichkeitshilfe bzw. ab 1. September die Ausfallabsicherung über den Sonderfonds für privatwirtschaftliche Kulturveranstalter. Da sind 2,5 Milliarden drin und das Geld soll bis zum 31. Dezember 2022 dafür reichen, Veranstaltungen zu planen und Schäden abzusichern, die Eindämmungsverordnungen evozieren. Deshalb fühlen wir uns finanziell sicher. Wir haben die Veranstaltung bei der Ausfallabsicherung angemeldet – die gilt für mehr als 2000 Besucher:innen ab dem 1. September, alle kleineren Publikumsanzahlen fallen unter die Wirtschaftlichkeitshilfe, die schon ab 1. Juli läuft. Die läuft so, dass du bis zu 50 Prozent deiner Tickets ans Finanzministerium, weil du eben nicht auslasten kannst. Dadurch wird die Veranstaltung wirtschaftlich. Die Ausfallabsicherung sichert bis zu 80 Prozent ab, weil es ja keine Versicherung mehr gibt gegen Pandemie und Epidemie – das ist ja unbezahlbar, ist ja klar. Mit der Ausfallabsicherung werden bis zu 80 Prozent Erlösausfälle im Ticketing kompensiert. Deswegen kann man Veranstaltungen, die in der Zukunft liegen, wieder planen, obwohl man noch nicht weiß, welche Eindämmungsverordnungen an welchem Ort gelten werden. Am krassesten ist das für Tournee-Veranstalter: Wenn die durch 16 Bundesländer gehen, haben die 16 verschiedene Verordnungen. Aber auch wenn das total kompliziert ist, sind wir anders abgesichert als im letzten Jahr. Da musste man ja im Vorwege Hilfen einsammeln und Verabredungen mit Land und Bund treffen. Jetzt ist ganz klar: Alles, was nicht kommt im Ticketing – und das sind in diesem Jahr verglichen mit Vor-Pandemie-Zeiten ca. 60 Prozent – wird vom Bund kompensiert. Das ist ein tolles Tool.

Was ist für Sie besonders spannend in diesem Jahr?

Für unsere Gender-Balance-Initiative „Keychange“ kommen aus zehn Ländern 70 Musikunternehmerinnen und Künstler:innen für einen viertägigen Workshop. Das das wieder geht, ist echt geil. Dann natürlich die Anchor-Teilnehmerinnen, weil die zum besten gehören, was wir gerade an New Talent haben. Großartig ist natürlich auch, dass die letztjährigen deutschen Sieger ÄTNA in diesem Jahr in der Elbphilharmonie mit der NDR Bigband spielen. Dann haben wir eine ganze Reihe an Künstler:innen, die kulturell in ihrer Musik einen afrikanischen Einschlag mitbringen. Viel Elektro und Rap – sowas funktioniert aktuell ja sowieso sehr gut bei jüngeren Hörern in Social Media. Und ich freue mich auf Joy Denalane, die das Eröffnungskonzert spielt.

Machen Sie sich Sorgen um Superspreading wie auf dem Festival Utrecht?

Was ja geblieben ist, ist, dass du dich an jedem Spielort beim Rein- und Rausgehen ein- und auschecken musst. Im unwahrscheinlichen Fall eines Infektionsausbruchs werden dann nur die dort anwesenden Personen vom Gesundheitsamt und eben nicht alle Besucher von Tag x kontaktiert. Wir machen das, aber wir verschwenden keinen Gedanken an so einen Ausbruch, Das hat die letztjährige Veranstaltung noch dominiert. Aber jetzt wissen wir ja, dass es sehr wahrscheinlich dann nur ganz wenige Personen im Raum betreffen wird. Und wir wissen ja auch, dass unsere Haupt-Zielgruppe, also die 18- bis 59-jährigen, über 70 Prozent vollständig geimpft sind. Und das ist nur demoskopisch gesehen, sozial betrachtet sind bei uns so 75-85 Prozent geimpft, würde ich tippen. Also bin ich sorglos da bzw. 15 Prozent sorgenvoll. Aber das kann man ja aushalten.

Dann kann man sich ja jetzt eigentlich gut damit abfinden, dass dieses Festival noch mal ein Zwischenschritt ist und nächstes Jahr dann wieder alles normal ist.

Davon gehen wir fest aus.

Reeperbahn-Festival: 22.-25.9., für den Eröffnungstag heute gibt‘s noch Tickets ab 49 Euro hier, komplettes Programm hier, kostenloses Streaming hier

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