Folgen Sie uns

Wonach suchen Sie?

Festivals

Reeperbahn-Festival: Warum beim Finale ein Pferd wieherte – und wie es 2026 weitergeht

Einfang zum Gelände auf dem Heiligengeistfeld, man kann „Reeperbahn Festival Village, free entry“ lesen, davor stehen Menschen
Der Eingang zum Festival-Village – Musik und Kunst bei freiem Eintritt auf dem Heiligengeistfeld
Foto: Robin Schmiedebach Photography

Überraschungs-Konzerte von Nina Chuba, Zsá Zsa, Jolle und Kraftklub. Ein kompletter Umsonst-Gig von The BossHoss. Und insgesamt rund 635 Konzerte von 450 Acts aus 30 Nationen in mehr als 70 Spielstätten. Vier Tage lang hat das 20. Reeperbahn-Festival (RBF), das in der Nacht zu Sonntag zu Ende gegangen ist, das Publikum auf dem Kiez in Atem gehalten. Hier kommen die Highlights des Festival-Finales. Zuvor aber noch weitere Zahlen – nicht alle sind so, wie im Vorfeld erhofft.

Die gute Nachricht: Rund 40.000 Menschen haben sich in den vier Tagen im frei zugänglichen Festival-Village auf dem Heiligengeistfeld, wo auch die MOPO mit einer Bühne vertreten war, aufgehalten – darunter viele ohne Festival-Ticket. Die nicht ganz so gute Nachricht: Mit rund 43.000 Besucher:innen insgesamt (etwa 38.000 Ticket-Käufer:innen plus 5000 Fachbesucher:innen) blieb das RBF allerdings zahlenmäßig etwas unter den erwarteten 45.000. Fürs kommende Jahr gibt es auch deshalb eine Änderung.

Fredrik eröffnet den Festival-Samstag – am MOPO(P)-Mobil

Der patschnasse Rollrasen zwischen MOPO(P)-Bus und Fritz-Bühne weckt noch mal kurz die Erinnerung, ansonsten ist der verregnete Donnerstag so gut wie vergessen. Der Samstagmittag im Festival-Village auf dem Heiligengeistfeld könnte nämlich schöner nicht aussehen: Mehr als 25 Grad, Sonnenschein und Umsonstmusik – so müsste das Leben immer sein. Und der erste Act des gesamten Festival-Samstags steht kurz nach 12 Uhr auf der MOPO-Bühne: Fredrik mit Pop aus Hamburg. Der Newcomer singt er unpeinlich über Gefühle (gar nicht so leicht), ein kleiner Fanklub in der ersten Reihe feiert’s. Guter Start. 

Boyish und Grima – gratis, draußen, im Sonnenschein

Auf der gegenüberliegenden Fritz-Bühne spielt erst das US-Duo Boyish (später am Abend noch bei den Village Acoustics und in der Prinzenbar zu sehen) mit einer reduzierten Version ihres sehnsüchtigen Shoegaze-Pops. Ebenfalls in der Mittagssonne auf dem Balkon des Limonadenstands zu sehen: Grima mit schwelgerischem Indierock auf Spanisch aus… Köln! Ein wunderbares Gitarrenbrett mit The-Cure-Anleihen, das nachts in der Top-Ten-Bar sicher noch intensiver rüberkommt.

Brodie Milner – angekündigt von Jackson Irvine

Das erste Club-Highlight des Tages ist Brodie Milner im Molotow. Den angenehm mauligen Indierock des jungen Typen aus Yorkshire hat FC St. Pauli-Kapitän Jackson Irvine für den von ihm kuratierten Nachmittag ausgesucht. Er kündigt ihn auch selbst auf der Bühne an, sympathisch und der Sache absolut gewahr, dass hier die Musik die Hauptrolle spielt. Und vielleicht will man den Australier künftig häufiger mal Clubs booken lassen (no offense, ihr super Molotow-Leute!). Es ist voll, es ist heiß, und Milner haut dem Publikum mit seiner Band einen schlechtgelaunten Ohrwurm nach dem anderen um die Ohren. Fuzz, Bass und Brast: Passt weder zur Uhrzeit (noch nicht einmal Kaffeezeit!) noch zum Wetter, aber kickt dafür umso doller.

Faravaz – bisschen Rache, sehr viel Lebensfreude

Faravaz bringt eine heftige Biografie mit: Die Sängerin aus dem Iran war dort für ein Jahr im Gefängnis. Ihr Vergehen: in der Öffentlichkeit singen. Trotz der Erbarmungslosigkeit des Mullah-Regimes singt sie seit ihrer Jugend auf Untergrundpartys – das ist echter Mut statt Maulheld:innentum. Darum ist es auch ausnahmsweise mal komplett leise in einem Venue, als sie in der Kiez-Haspa aus eigener Erfahrung über Rassismus und Diskriminierung spricht. Dann wird’s aber gleich wieder laut, denn: „Jetzt ist Zeit für Vergeltung“ – aber sie sagt es mit einem diebischen Lächeln. Der Elektropop ist teilweise dermaßen explizit, dass man ihn hier besser nicht wörtlich zitiert. Diese Rache ist nicht süß, aber voller Lebensfreude. Und ziemlich horny.

Money Badoo – Rap mit Sternchen

Apropos „horny“: „Wir sind dabei in ein Multiverse vorzustoßen. Alles, was ihr dafür tun müsst, ist Sex mit mir zu haben“, sagt Money Badoo kurz nach halb 8 im Häkken. „Und mit Sex meine ich: Wir verbinden uns durch die Musik.“ Erstauntes Kichern im Publikum, bei einigen sind die Augen groß wie Untertassen, was weniger an der Musik als an der Art der Darbietung liegt. Die südafrikanische Rap-Newcomerin hat sehr wenig an auf der Bühne. Und es wird im Laufe des Konzerts noch weniger (obenrum sind’s irgendwann nur noch Sternchen auf den N*ppeln). Aber okay. Ist ja nicht so, als hätte sie Publikum nicht vorgerwarnt. Was folgt sind kurze Tracks irgendwo zwischen druckvollem Rap, Hyperpop und smoothem R&B. Die Männer auf der Bühne tragen Sturmhauben, sie eine riesige Sonnenbrille. Das ist mal ’ne Show! Oder wie Money Badoo sagt: „That’s hot!“

Zinn – Opa Brecht kriegt sein Fett weg

Zinn aus Wien treten auf, als hätten sie gerade einen Theaterfundus ausgeraubt, passenderweise geht es gleich mit einer Artpunkversion der „Seeräuber-Jenny“ aus der „Dreigroschenoper“ los. Um Opa Brecht gleich danach eine mitzugeben, dass der ja alles nur abgeschrieben hätte. Sie loben die „schöne Stadt Hamburg“ über den grünen Klee, das Team in der Nochtwache sei „ur-leiwand“, und auch sonst scheint das Trio eine gute Zeit zu haben. Das Publikum auch – dem mehrfachen, wenig subtilen Hinweis, dass die Band auch sehr tollen Merch dabei hat („Leiberl“), wird jedenfalls zahlreich nachgegangen.

Man sieht Publikum vor der Bühne. auf der Bühne Instrumente, im Hintergrund Werbung für das „Beer Bundle“Foto: NR
Werbeblock vorm Reeperbahn-Festival-Konzert von The BossHoss auf dem Spielbudenplatz.

The BossHoss – es wiehert auf dem Spielbudenplatz

Kurz vor halb 10 hört man galoppierende Pferde, dann ein Wiehern – und auf dem Spielbudenplatz vor der großen Bühne geht ein Raunen durchs Publikum: Gleich kommen The BossHoss! Und die, anders als die Pferde, auch wirklich live, nicht als Einspieler. Deutschlands erfolgreichste Country-Rock-Band hat am Freitag ihr Album „Back To The Boots“ rausgebracht. Und das soll jetzt beworben werden – mit einem Gratis-Konzert für Fans und alle, die es werden wollen. Aber nicht nur das: „Wir sind ultrastolz!“, ruft Sänger und Gitarrist Sascha Vollmer irgendwann ins Mirko. „Uns gibt’s seit motherfucking 20 Jahren! Und das feiern wir hier mit euch auf dem Kiez!“ Gespielt werden neue Songs und alte Hits – dass zehn Minuten nach Konzertbeginn der Regen einsetzt, stört hier kaum jemanden. „Wir kommen nachher in die Zelte da drüben und unterschreiben CDs und geben Autogramme“, kündigt Vollmer an. „Und wir haben jetzt auch Bier, das ist sehr lecker!“, ergänzt Alec Völkel. Man kann’s am Stand im „Bundle“ kaufen: sechs Dosen, eine CD, die Fans sind happy. „Don’t Gimme That“? Doch, gerne – das Publikum kauft munter ein. Und nimmt ’nen The BossHoss-Cowboyhut für 15 Euro gleich noch dazu.

Blondshell – fantastische Songs, spitzenmäßiger Sound

In ein Festival, das Newcomer mit „Unique selling points“ vorstellen will, passt Blondshell nicht so richtig rein. Okay, Newcomerin ist Sabrina Mae Teitelbaum eh schon mal nicht, mit zwei Alben unter ihrem jetzigen Projektnamen und einer Mainstream-Pop-Vorgeschichte. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist „nur“: Sie schreibt fantastische Songs. Wenn man ihr doch ein Gimmick unterstellen wollte, dann dass sie 2025 die beste Indierock-Platte von 1995 veröffentlicht hat. „If You Asked For A Picture“ erinnert an The Sundays, Liz Phair oder Nirvana; der Sprung in die Gegenwart gelingt live mit einem Cover von Addison Raes Hit „Diet Pepsi“. Die Docks-Bühne scheint ihr noch etwas zu groß zu sein, und so richtig gelingt die Verbindung zum Publikum nicht, trotz spitzenmäßigem Sound und einer großartigen Band. Schade für die, die früher gehen und den Überhit „Salad“ verpassen, eine bitterböse Mordfantasie von ihrem ersten Album: „Look what you did, you’ll make a killer of a pacifist!“

Anna Ternheim – Testballon im Michel

Ausklingen lassen kann man den Abend – und das Festival – dann zum Beispiel bei Anna Ternheim im Michel. Das ist nämlich sehr schön, auch wenn man sich vielleicht zwischendurch verschämt fragt, ob es wirklich das perfekte Setting für die schwedische Songwriterin ist. Einerseits verleiht der Hall der imposanten Kirche dem Sound etwas Ätherisches – andererseits klingt Ternheims eigentlich sanfte Stimme in ihren besten Momenten so klar und scharf, dass man das auch genau so hören möchte. Einerseits ist der Michel mit seinen Kronleuchtern und Dekorationen so schön und stimmungsvoll, andererseits ertappt man sich beim ketzerischen Gedanken, dass man die Sängerin statt in diesem großen, hellen Saal vielleicht lieber in einem kleineren, dunklen erlebt hätte. Aber was soll das Erbsenzählen: ein fantastisches Konzert mit einer Setlist, die neben Ternheims Hits auch interessante Cover beinhaltete (Bryan Adams‘ „Heaven“ und Bowies „China Girl“), schwedische Stücke wie „Hit Men Inte Längre“ und sogar ganz neue Songs, die Ternheim erstmals live austestet. Ganz so, wie es Comedians mit neuen Gags machen, erklärt sie charmant nervös. Sagen wir: Dieser Test verlief äußerst erfolgreich.

Der Vorverkauf für das Reeperbahn-Festival 2026 (16.-19.9.) ist schon jetzt gestartet. Noch bis Ende des Jahres kann man Early-Bird-Tickets für 139 Euro (für alle vier Tage) kaufen. Neu: Zum ersten Mal gibt’s eine Ermäßigung für Menschen, die jünger als 30 Jahre sind: Für sie werden Tagestickets angeboten, die zwischen 40 und 53 Euro kosten – ein Versuch, auch das (dringend benötigte) jüngere Publikum für das Festival zu interessieren. (WT/MW/NR)

Das könnte Dich auch interessieren

Konzerte

Sie wollen es nochmal wissen: Die Ärzte kommen nächstes Jahr nach Hamburg – für gleich zwei Konzerte nacheinander. Der Vorverkauf startet schon am Mittwoch....

Interviews

Der wandelbare Schauspieler Alexander Scheer geht mit den größten Songs des Pop-Chamäleons David Bowie auf Tour. Und liest aus Büchern, die dessen Leben und...

Anzeige

Das wird ein genialer Abend: Am Samstag, 18. April 2026, steht die Rapperin Älice im Rahmen der Konzertreihe „Made in Hamburg“ auf der Bühne...

Konzerte

Wenn eine als Boyband gestartete Gruppe eine neue Ära einläutet, dann haut das nicht immer hin. 5 Seconds Of Summer ist das mit ihrem...