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Ein Höhepunkt nach dem nächsten: So war Tag 3 des Reeperbahn-Festivals

Bild vom Konzert
Deki Alem am Freitag im Mojo
Foto: hfr

Tag drei des Reeperbahn-Festivals. Jetzt geht’s einerseits an die Substanz (im Publikum hört man vereinzelte Klagen über a) Rücken, b) wachsende Müdigkeit, sind ja alle nicht mehr die Jüngsten und c) schmerzende Füße), andererseits platzt das Programm aus allen Nähten. Konzerte von früh bis sehr, sehr spät. Hier ein paar Highlights vom Festival-Freitag.

Dressed Like Boys: Kurz nach 16 Uhr kommen die Tränen

Der Belgier Jelle Dentruck hat mit seinem Solo-Projekt Dressed Like Boys erst vor zwei Wochen sein gleichnamiges Debütalbum rausgebracht. Müsste man also vielleicht gar nicht auf dem Schirm haben. Das Indra ist trotzdem rappelvoll am Freitagnachmittag um 16 Uhr. Und um es vorwegzunehmen: Beim Rausgehen hat jede und jeder feuchte Wangen – was nicht nur an der verrückten Luftfeuchtigkeit in dem kleinen Club liegt. Wunderbare Indie-Pop-Perlen präsentiert Dentruck mit seiner (fantastischen) Band, alle auf eine herrlich bundfaltenhosige Art altmodisch, alle mitreißend. „Ich weiß, dass das hier sicherlich jede Band sagt, aber: Hier haben die Beatles ihre ersten Konzerte gespielt“, sagt er gleich zu Beginn und gibt zu, dass es „vermutlich keine andere Band“ gibt, die er häufiger gehört habe (was man seiner Musik absolut anmerkt). „Ich hab beim Reinkommen den Boden geküsst. Es war … ekelhaft. Da das hier also vielleicht unser letztes Konzert ist: Lasst anfangen!“ Seine Songs handeln von Queerness, von vielen kleinen persönlichen Geschichten. Sein großes Anliegen: Sichtbarkeit für Menschen der LGBTQ+-Community zu schaffen. Passend dazu erzählt er die Story hinter dem Stück „Stonewall Riots Forever“ – und endet mit dem Satz „It’s important to know your history – or you may not have a future“. Kurz ist es still im Indra, dann wird laut und lange geklatscht. Und mit dem Applaus kommen die Tränen. Dressed Like Boys sind am Samstagabend um 23.25 Uhr noch einmal im Nochtspeicher zu erleben. Und am 17. November auf regulärer Tour im Häkken.

Gut Health: Die Energie muss raus

Der Bandname weckt Assoziationen an Giulia Enders’ „Darm mit Charme“-Buch, linksdrehende Joghurtkulturen und das Debütalbum von Pretty Girls Make Graves, „Good Health“. Letzteres sogar musikalisch: Der Dancepunk der australischen Band um Sängerin Athina Uh-Oh hat ordentlich Post-Hardcore-Wut im Bauch. Also, irgendwie schon linksdrehend (beim Health-Bells-Festival des FC St. Pauli war die Band ebenfalls im vergangenen Jahr). Soviel Energie muss dringend raus, darum spielt die Band am Freitag gleich dreimal, schon die Spätnachmittagsvorstellung im Molotow ist packevoll. Wer sie trotzdem verpasst hat, am Samstag um kurz nach zwei sind sie schon wieder im Molotow. Der Weg aus Melbourne soll sich ja lohnen.

Kratzen: Man würde so gerne lange applaudieren

Vor dem letzten Song verrät Thomas Mersch, dass er ja heute Geburtstag hat, worauf die Pooca Bar – natürlich – spontan ein Ständchen singt: „Happy Birthday, lieber (kurze Pause) Sänger, happy Birthday to you.“ Sind halt nicht Coldplay. Kratzen kommen aus Köln, tragen schwarze Klamotten und spielen laut Selbstauskunft Krautwave. Das heißt: treibende Postpunk-Songs, die gerne mal minutenlang auf einem Akkord rumwummern. Viel Zeit zum Applaudieren lässt die Band nicht (was schade ist, denn man würde so gern), die Songs fließen ineinander, selbst Instrumentenwechsel werden bruchlos in die Stücke integriert. In einem der wahrscheinlich kleinsten Venues des ganzen Reeperbahnfestivals noch mal anders hypnotisch.

Boko Yout: Einer der Höhepunkte des Festival-Freitags

Wer oder was ist Boko Yout? „The shape of Grunge to come“, sagt seine Künstlerbio auf Spotify. Eine Diva, sagt er selber. Einer der Höhepunkte des Reeperbahn-Festivals am Freitag (abgesehen von der Horde Chemnitzer, die alle paar Minuten in einen anderen Club einfielen)? Sagen wahrscheinlich alle, die es ins Molotow geschafft hat. Paul Adamah alias Boko Yout schwitzt und schreit, erzählt und macht Schau, unterstützt von einem kompakt radauenden Gitarre-Bass-Schlagzeug-Trio. Sagenhaft charismatisch, mit einem Energielevel wie ein vom Blitz getroffener Duracellhase, will Boko Yout auf die großen Festivalbühnen. Der Weg dahin dürfte kurz sein.

Deki Alem: Noch ein Höhepunkt des Festival-Freitags

Es ist schon ein bisschen lustig: Die meistgestellte Frage am Freitagabend im Mojo ist ein erstauntes „WO kommen die her? WAS hat er da eben gesagt?“. Denn es stimmt schon: Diesen wahnsinnigen Druck, dieses Gaballere, dieses Acid-Jazzige-Tanzgedröhne, diesen über und über eklektischen Sound, den würde man eher in irgendwelchen Städten mit dunklen Hochhausschluchten verorten, New York, Los Angeles, London vielleicht. Aber nee, Göteborg ist es, 608.462 Menschen leben da in Schweden. Und die Zwillingsbrüder Johnny und Sammy Bennett sind zwei von ihnen. Das Publikum hüpft und tanzt und schwitzt und grölt und grinst zu Songs wie „Shadowman“ und „Wet Paint“. Alle, wirklich alle, machen mit. Können Deki Alem selbst nicht fassen. „There is A LOT of energy in the room!“, stellen sie verwundert fest. „Macht weiter damit! Springt, hüpft – außer ihr Leute da oben auf dem Balkon, ihr passt ein bisschen auf, bitte!“. Machen sie. Gehüpft und gesprungen wird aber auch da oben munter. Ein weiterer Höhepunkt des Abends, ach, des gesamten Festivals! (MW/NR)

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